Welt | | Körper | Geschichte | Jetzt | Mitgefühl

Der Versuch, nicht nur in der Katastrophe zu rudern. Statt dessen dem Körper zuwenden. Mitgefühl untersuchen: Die größte Schwäche und Gefahr, oder vielmehr die mächtigste Bio-Intelligenz des Menschen?

Herbst 2026

Welt | Körper | Geschichte | Jetzt | Mitgefühl – ein Drama in fünf Akten

WELT

“The Men who stare at loot.” [1]

Der Anfang wird ein bissl herausfordernd. Denn wenn wir zusammenfassen, was alleine im letzten Jahr in der Welt passiert ist, ist es wirklich viel. Ich mache es kurz und lasse eine Menge weg:

Der Häuptling des vielleicht wichtigsten Staates der Welt führt Kriege, beendet rigoros Maßnahmen zum Wohl der Menschheit, lässt amerikanische Bürger:innen ermorden, kauft Wahlen, lügt, betrügt, kippt mühsam erkämpfte Frauenrechte, und verfolgt eine einzige Absicht: Reichtum für sich und seine Familie.

Häuptlinge ähnlicher Machart gewinnen Wahlen, sind gut vernetzt und haben ebenso glasklare Absichten: die Abschiebung und Ermordung von unerwünschtem Leben, den Griff nach Macht und Besitz, notdürftig kaschiert hinter einem lächelnden Händedruck für das ergriffene Wählervolk [2].

Der Klimawandel ist diesen Sommer in unserer Wirklichkeit angekommen, mit bis zu 40 Grad Innentemperatur, vertrockneten Wiesen, Waldbränden und massiven Ernteausfällen. Wasser wird oft knapp.

AI – „der Killer der Menschheit“ – macht Schlagzeilen, weil kürzlich ein System aus KI-Agenten ausgebrochen ist, und sich in eine andere AI-Firma gehackt hat [3]. Es hat in geheimen Chats konspiriert und gefälschte Protokolle abgeliefert. Die zuständigen Tech-Buben wirken wie Teenager, die zu viel Krieg der Sterne geschaut haben [4] [5].

Social Media bedient den verständlichen Trieb des Menschen, zum Schutz seines Systems wesentliche Anteile der bedrohlichen Realität abzuspalten. So verlassen wir unsere Körper, schauen Katzenbabyvideos (die harmlose Variante), scrollen dem Doom hinterher (lähmend), oder folgen uralten Theorien, dass „Fremde“ an allem schuld und Frauen das Letzte sind, und der Klimawandel sowieso fake news ist (gefährlich, weil wir demokratisch unseren eigenen Untergang wählen dürfen).

Womit wir wieder bei den Häuptlingen sind. Die KI super finden, nebenbei unsterblich sein wollen, und alle verfügbaren Mittel umleiten (Geld, Wasser, Energie), um noch größere Rechenzentren zu bauen. Und auch das ist bei uns angekommen.

 


[1] Dt.: Männer, die auf Beute starren, im Original: The men who stare at goats – Männer, die auf Ziegen starren. Kriegskritischer Film aus dem Jahr 2009
[2] Am Beispiel des AfD Politikers Ulrich Siegmund
[3] Open AI und Hugging Face
[4] Jacob Coxon im New York Times Interview
[5] https://www.deutschlandfunk.de/staffel-2-die-openai-story-100.html

KÖRPER

“Homo Sapiens = 0,01 % aller Biomasse“ [6]

Ich sitze hier, mit und in meinem Körper. Ich atme, mein Blut wird wundersam ausgewogen durch mein ganzes System geleitet, versorgt meine Zellen. Meine Organe funktionieren, soweit ich weiß. Ich sehe, höre, fühle, rieche, sitze aufrecht. Das ist gut. Ich lebe. Nebenan spüre ich meinen Freund und Mann, er atmet, bewegt sich. Draußen rufen Vögel, der Wind rauscht in den Bäumen. Die Sonne scheint. Ich werde bald Hunger haben, aufstehen, ein Frühstück essen. Tee trinken.

Körper. Das war das Thema im Sommermalkurs, und es war erfreulich und reich. Wir sind Körper, kleine Ausstülpungen von Materie, Ansammlungen von DNA, die sich durch die Zeit bewegen. Blip – entstehen wir aus zwei Zellen, wachsen winzig und weich heran, mit unseren Innenräumen, unseren Außenantennen, werden größer und fester, kleiner und gebrechlicher, bis wir in uns zusammenfallen, und diesen Körper der Erde oder dem Feuer (dem Wasser, der Luft) überlassen. Mehr ist nicht. Wir sind Körper, wie eine Amsel oder eine Maispflanze, ein mikroskopisch kleiner Teil des organischen Lebens der Erde.

Ein Körper ist ein Wunderwerk. Wir essen – Pflanzen, Fleisch, ein Geschenk von unseren Verwandten – und verwandeln es über Magen und Darm in Energie. Wir atmen Luft, das größte Pflanzengeschenk, die alle Zellen mit Sauerstoff versorgt. Wir trinken Wasser, sind Wasser, in tiefer Beziehung zu den Ozeanen, Bächen und Flüssen dieses blauen Planeten.

Wir sehen, ein Panorama von Schönheit und Farben – in Wäldern, Gärten, an Küsten, in Architektur, Theatern, Ausstellungen und Museen, in Babygesichtern und alten Menschen. Das gelingt mit einem ausgeklügelten Sehorgan, das in unseren Gehirnen eine ganze Welt erzeugt. Wir hören, Vogelmelodien, Blätterrauschen, Wellen, Wind, Musik,  mit den allerfeinlsten Aufnahmegeräten. Wir schmecken und riechen, wir spüren Stoff auf der Haut, Berührung, erotische Stimulation, Sex!

Der Menschenkörper ist ein Zuhause in jedem Moment unseres Lebens, ob wir es bemerken oder nicht. Mein Körper ist meine Zuflucht, mein Atem, meine Wirbelsäule, meine Füße. Auch wenn er über 61 Jahre alt ist, und da und dort ein wenig wunderlich wird – wir sind gut zueinander. Er sorgt für mich, und ich für ihn. Er meldet zuverlässig, was er nicht mag. Mit 40 hat er mir das Rauchen abgewöhnt – von einer Sekunde auf die andere ein abscheulich-giftiger Geschmack. Er macht mich schon nach geringen Mengen Alkohol unangenehm depressiv, hindert mich ausdrucksvoll an Weizen, Zucker und Kuhmilch. Er will reichlich schlafen und sich bewegen.

Und so folge ich ihm, esse Gemüse und Obst, freu mich an Yoga und Krafttraining und genieße ihn auf vielen Ebenen. Und wenn es dicht und eng wird, hilft er mir, bei mir zu bleiben. In Konflikten, kleinen und großen, macht es einen riesigen Unterschied, ob ich mich verlasse, oder ob ich in mir – in ihm – verankert bin. Ob ich in einen Strudel aus Drama und geistiger Gewalt gerate, dort, weit weg, in Panik Entscheidungen treffe, oder ob ich in meinem Raum bleibe, Raum habe, für einen Atemzug, einen Schritt nach dem anderen. [7]

Möglicherweise hilft diese Hymne auf den Körper, die Herausforderungen der Welt ein wenig besser zu verkraften. Und sie leitet über in den nächsten Abschnitt:

 


[6] Aus Stefano Mancuso: Nation of Plants
[7] Der Therapeut Figs O’Sullivan hat ein recht eindringliches Marketing auf seiner Seite, bietet aber auch wirklich tiefe Einsichten in Körper, Emotionen, Partnerschaft und Stress. Englisch, Browser können es übersetzen. (Ja, KI.)

GESCHICHTE

„Lernen‘s a bissl Geschichte, …. Herr Reporter!“ [8]

Wenn wir der Körperdarstellung durch die Geschichte folgen, sehen wir für lange Jahrzehntausende nackte Frauenkörper. Wir sehen sie in Mammutelfenbein, Ton, Stein geschnitzt. Wir sehen Brüste und Vulven, dicke Bäuche, alte Frauen – keine Erotik, keine  „Venus“. [9] Wir sehen mit Hingabe geformte kleine Penisse, Menschen mit erhobenen Armen [10], in augenscheinlicher Ehrfurcht. Wir sehen eine erstaunliche Liebe für Details, anatomisch korrekte Muskelstränge, stimmige Körperhaltungen. Die Figurinen sind klein, oft nur ein paar Zentimeter lang [11].

Das beginnt – soweit wir aktuell wissen – vor etwa 40.000 Jahren mit der Frau vom Hohle Fels [12] auf der schwäbischen Alp und endet an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten. Ab der Bronze- und Eisenzeit finden wir brutale Darstellungen von Schlachten, abgeschlagenen Köpfen, von unterworfenen Feinden, Gefallenen, an denen Geier picken [13]. Die Körper werden eindimensionaler, schablonenhaft und austauschbar. Der Frauenkörper wird in der Antike zur Venus pudica [14], zur verschämten Frau, vom male gaze getroffen.

Es gab also eine sehr lange Zeit, in der Körperabbildungen offensichtlich frei von Politik, von sexueller Zuschreibung, von Gewalt und Besitzdenken waren. Und es gibt unzählige Nachweise für kleine und große Gesellschaften, die offenbar friedlich über Jahrtausende mit und in der Natur gelebt haben. [15] Das widerspricht unserer Erzählung vom Menschen, der dem darwinschen, missverstandenen survival of the fittest unterworfen sei, der ein Raubtier sei, der „immer schon so war“.

Die entscheidende Veränderung hat vielleicht vor etwa 7.000 bis 5.000 Jahren in Steppen- und Wüstenregionen begonnen [16], wo Viehzucht die einzige Überlebensmöglichkeit war. Die Freiheit von (Frauen)Körpern ist in Kulturen, die sich auf Kontrolle der Herden und Weidegründe, Kraft, Gewalt, Männervorherrschaft verlassen mussten,  langsam verschwunden, sehr wahrscheinlich bedingt durch die kargen bis katastrophalen Lebensumstände.

Interessant ist hier die immer mehr durch DNA-Forschung gestützte Hypothese, dass die Yamnaya und ähnliche, eher patriarchal strukturierte, indoeuropäische Stämme aus der eurasischen Steppe in mehreren Wellen ab ca. 3.200 vor unserer Zeitrechnung nach Mesopotamien, in den Nahen Osten, Europa, Indien und China eingewandert sind, mit ihrer Sprache und ihrem mythischen Gott- und Frauenbild im Gepäck. [17] Nach und nach, mehr oder weniger gewalttätig, haben sie die ansässigen Kulturen und ihre Traditionen verdrängt. Diese Entwicklung mündet in die monotheistischen Religionen: Judentum, Islam, Christentum.

Die Bibel ist eine erstaunlich offenherzige Quelle für diesen Übergang: Für die bedingungslose und brutale Vernichtung der „heidnischen“ Völker, die Jahwe befiehlt. [18] Für die grimmigen Forderungen nach der Entwertung von Frauen, ihren unreinen Körpern und heidnischen Riten in den Tempeln von Baal und Astarte [19]. Für die wütende Abwehr von aller Freiheit und sexueller Lust [20], von Nacktheit, weiblicher Eigenständigkeit und Initiative. Für die gebetsmühlenartige Wiederholung von verdrehten biologischen Tatsachen.

Denken wir an den Schöpfungsmythos, mit der neuen Idee, dass die Frau aus der Rippe des Mannes geboren wird und ihm folglich untertan sein muss [21].  Der  Frauen listig die Schuld für alles Unheil auf der Welt in die Schuhe schiebt – wegen eines Apfels? [22]

Schlange, Baum, Frucht, das sind alles Hinweise auf frühere Weltbilder, wo ebendiese Schlangen, Bäume, Früchte oft mit Frauen in einem sakralen  Kontext dargestellt wurden [23].

Diese Geschichte aus dem fernen Land Kanaan, wo der Mythos eines herrschsüchtigen Gottes vor 3.000 Jahren einen Propaganda-Feldzug gegen die angestammten (lebensverehrenden, eher weiblichen) Riten und Rechte begonnen hat, wird in christlichen Ländern bis heute kleinen Kindern beigebracht. Wird in Schulen gelehrt, in Kirchen gepredigt, rund um jahreszeitliche Feste und familiäre Rituale von Geburt bis Tod geschlungen. Niemand von uns hat das nie gehört. Wir schwimmen darin, wie Fische im Wasser, und denken kaum darüber nach. Patriarchale Strukturen sind wie Luft: zu normal, um sie wahrzunehmen.

Und worum geht es hier im Kern? Um Besitz und territoriale Macht.

Eine Frau, die frei über ihren Körper bestimmt, die beschließt, ob, wann, und von wem sie schwanger wird oder nicht, eine Frau, die wie in matrilinearen Kulturen ein Recht auf Eigentum hat und es an Töchter weiter geben könnte, das passt nicht in ein System, in dem der Mann per Gesetz alle Materie kontrollieren soll. [24] Ein patriarchaler Mann will seine Ländereien und Reichtümer, mindestens seine Gene, an den leiblichen Sohn vererben. Deshalb muss die gebärende Frau sein Besitz sein, über den er alle Macht hat. Sie muss sexuell verfügbar sein, und darf ausschließlich seine Kinder zur Welt bringen. Verhütung und Abtreibung sind des Teufels, ebenso wie die weisen Frauen, die sich damit auskennen, und deshalb später reihenweise verbrannt wurden.

Das ist die Denkweise von patriarchalen Stämmen in kargen Regionen wie Afghanistan, von Königen mit göttlicher Herrscherwürde, von Päpsten, für die die Ordination von Frauen als Priesterinnen nach wie vor ein Greuel ist [25], von vielen Bauern mit großen Kuhherden und Hektaren von Land, die auf Söhne hoffen, um den Hof weitergeben zu können. Von amerikanischen Präsidenten und ihren evangelikalen Beratern, von unzähligen Männern, die heute ihre Frauen schlagen oder umbringen, weil sie sie verlassen haben/wollen/mit anderen Männern Sex hatten.

Oder einfach, wenn sie, wie in Marchtrenk, das Recht des Ehemannes ausüben, mit tödlichen Folgen[26]. Wenn Kabarettisten kleine Kinder missbrauchen [27], und Liedermacher von der Liebe singen und sich an Teenagern vergreifen [28]. Und wenn in weiterer Folge beide in der öffentlichen Reflektion vor allem an sich denken und wenig Mitgefühl für ihre Opfer zeigen [29]. Oder wenn ein Anwalt einer Frau vor Gericht rät, in der gefährlichen Situation einfach aus dem Fenster zu springen, damit der Angreifer auch wirklich merkt, dass sie keinen Sex will. [30] Oder – tatsächlich könnte ich diesen Abschnitt täglich ergänzen. 

Die Verdrehung und Verstrickung von abgespaltenem Sex mit Gewalt, Macht, Sünde und Dämonen, die Jahwe, Augustinus [31], der Hexenhammer [32], nationalsozialistische Autorinnen wie Johanna Haarer [33] – eine Legion an Schreiberinnen und Predigern, in unsere Seelen gesenkt haben, wirkt bis heute in Vielen mit aller Kraft. Da reicht schon die Beobachtung von Badenden, die sich verschämt unter kleinen Handtüchern aus ihrer Kleidung in Badehosen und Bikinis hinein plagen.

 


[8] Bruno Kreisky, nicht unumstrittener Bundeskanzler, hier das Zitat von 1981 im Zusammenhang erklärt
[9] https://en.wikipedia.org/wiki/Venus_figurine
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Adorant_vom_Gei%C3%9Fenkl%C3%B6sterle
[11] Bei den Art Days im MICIS zeigen wir prähistorische Figurinen aus Filz mit ebensolcher Musik: 14. Und 15. 11.
[12] https://www.urmu.de/digitale-sammlung/objekt/frauenstatuette-1977-0119-0030-9000
[13] Schlacht von Elam Relief im Palast von Assurbanipal II
[14] Venus von Knidos
[15] David Wengrow, David Graeber, Anfänge/The Dawn of Everything
[16] https://de.wikipedia.org/wiki/James_DeMeo
[17] https://de.wikipedia.org/wiki/Kurgankultur mit einer gründlichen Untersuchung der Kurgan-Hypothese von Marija Gimbutas
[18] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/2KI.10 https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/2KI.23
[19] https://www.die-bibel.de/bibel/EUE,VUL/DEU.13
[20] https://www.die-bibel.de/bibel/EUE,VUL/LEV.20
[21] https://www.die-bibel.de/bibel/EUE,VUL/GEN.2
[22] https://www.die-bibel.de/bibel/EUE,VUL/GEN.3
[23] https://en.wikipedia.org/wiki/Minoan_snake_goddess_figurines – https://de.wikipedia.org/wiki/Astarte https://de.wikipedia.org/wiki/I%C5%A1tar
[24] Merlin Stone, When God was a Woman, 50 Jahre alt, oft überholt, aber im Kern treffend
[25] https://katholisch.de/artikel/54029-frauenordination-toben-im-quadrat
[26] https://ooe.orf.at/stories/3371197/
[27] https://www.wienerzeitung.at/a/fall-gunkl-wenn-das-opfer-aus-dem-blick-geraet
[28] https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/konstantin-wecker-vorwuerfe-konzertabsage-e051851/?reduced=true
[29] https://wecker.de/
[30] https://www.derstandard.at/story/3000000340709/vergewaltigungsprozess-gegen-25-jaehrigen-der-frau-in-ihrer-wohnung-ueberwaeltigte
[31] https://www.dreieinigkeit.de/artikel/freude-befreite-ihn-von-sexueller-suende
[32] https://de.wikipedia.org/wiki/Hexenhammer
[33] https://psychosozial-verlag.de/programm/2000/2300/6502-detail

JETZT

“It is not Landwirtschaft and Sesshaftigkeit, stupid.“ [34]

Die Geschichte in ihrer Gesamtheit – soweit wir sie gerade überblicken können – ist wichtig. Denn wenn wir mit unseren fragmentierten Geistern nur auf dieses gegenwärtige Chaos/Mediengewitter aus Klimawandel, Femiziden, Wahlergebnissen, KI-Tech-Bro-Desaster etc … schauen, ergibt alles keinen Sinn. Wie kann eine angeblich bewusste und offenkundig intelligente Spezies so bescheuert sein, ihre Lebensgrundlage, ihre Mitmenschen zu vernichten?

Wenn dem Denken dann – logischerweise – alles zu viel wird, spaltet es weiter. So wird aus Feminismus eine Schrulle von frustrierten Frauen, Genderstudies sind mühsame intellektuelle Verrenkungen mit they und them, Homosexuelle und ihre Forderungen nach Gleichstellung sind lästig, Kritik am Verbrenner kommt von Schwächlingen, Veganismus ist eine Modeerscheinung, Tierschutz Fanatismus, Sex Positivy total arg, Klimaschutz eine Hysterie – alles zusammen eine Attacke auf Gewohnheiten und Bequemlichkeit.

Im großen Bild ergibt die Summe dieser emotional-genervten Abwertungen aber durchaus Sinn, weil sie gegen die Kritik am herrschenden System wüten. Weil das gottgegebene, mythische Recht der manosphere [35], der male supremacy, auf Geschwindigkeit, auf Beute – Frauen, Fleisch, Schätze -, und vor allem die Herrschaft über Natur und Geschlechterrollen, in Frage gestellt wird. Und es lohnt sich, nach zu spüren, wie weit diese Abwertungen in uns selbst Fuß fassen können.

Ein noch umfassenderes Bild erscheint – 

Wenn wir verstehen, dass 5.000 oder 3.000 Jahre für uns biologische Wesen gar nichts sind. Dass wir sowohl die Erinnerung an eine frühe Verbundenheit als auch die Traumata der von Krieg und Gewalt zerstörten Generationen in uns tragen, die Last der Täter und der Opfer. Und anerkennen, dass DIE Geschichte nicht erst mit der Schrift beginnt und den sorgfältig formulierten Geschichten und Mythen der Sieger.

Das Bild wird täglich genauer, weil wir heute unzählige archäologische, anthropologische und DNA-basierte Erkenntnisse vernetzen können. Wir sehen eine  immer deutlichere Evidenz für ein vielfältigeres, sehr wahrscheinlich friedlich-nachhaltigeres Leben vor den indoeuropäischen Wanderungen und den monotheistischen Religionen. [36] Wir sehen Varianten von Landwirtschaft und Sesshaftigkeit, manchmal in  Megacities [37] mit tausenden  Bewohner:innen, oft ohne offensichtliche soziale Schichtung, ohne ausgedehnte Landnahme, ohne Verteidigungsanlagen, Waffen, institutionalisierte Gewalt gegen Menschen. Auf manchen Kontinenten haben solche Gesellschaften lange durch gehalten, ganz selten bis jetzt [38].

Wir sehen mehr, wenn wir einordnen können, dass es in diesem großen Kulturkampf wahrscheinlich weniger um Religion und Seelenrettung durch einen großen Gott, als vielmehr um Macht und Besitz gegangen ist und geht.

Wenn wir verstehen, dass der wirkliche Sündenfall vielleicht dieser mörderische, vernichtende Krieg um Machterhalt und Territorium sein könnte, und nicht „die Sesshaftigkeit“ (oder „Eva und der Apfel“).

Egal, ob wir auf die Medici, Louis XIV, alle Kolonialstaaten, die Kirche als missionarischen Machtapparat (keinesfalls die vielen, vielen  wohlmeinenden Menschen, die Jesu Lehre des Miteinanders leben)  oder Adolf Hitler schauen. Oder Donald, der seinen Blick begehrlich auf Grönland, Kanada, den Mond oder wo auch immer hin lenkt: Genau dieses Weltbild, das die Macht in wenigen, fast immer männlichen Akteuren, konzentriert, während der Rest des Lebens verächtlich abgewertet wird, war und ist unser Untergang.

Und dann ergeben alle feministischen, veganen, schrägen spirituellen oder „linken“ Bewegungen einen Sinn. Einen. Wir wollen unsere Körper und unsere Würde, unsere sinnliche Verbindung mit der Erde und miteinander  wieder haben.

Jede dieser Bewegungen sagt – oft seit Jahrhunderten: Wir wollen uns in unseren Körpern wohl fühlen, egal, welchem Geschlecht (Gegut?) sie zugeordnet werden, wie alt, wie dick, wie schön sie sind. Wir wollen nicht, dass Frauen unbezahlt für Männer und Familien arbeiten, verlassen werden, im Alter in Armut leben müssen. Wir wollen nicht, dass Mädchen entführt und als seelenlose Sex-Waren verschoben werden.

Wir wollen, dass weiblich gelesene, fürsorgliche Berufe besser bezahlt werden, als Vorstandsmitglieder, die für Zerstörung Boni erhalten[39]. Wir wollen ein Ende von Sklaverei, Menschen- und Waffenhandel.

Wir wollen Frieden mit der Natur und unseren pflanzlichen und tierischen Verwandten schließen, so gut das möglich ist, weil  wir ohne sie nicht überleben können. Wir wollen nicht, dass in unserem Namen und für die paranoiden Notwendigkeiten unserer Kultur Regenwälder abgefackelt, Artenvielfalt vernichtet, Meere vergiftet und das All mit Müll und Waffen bestückt wird. Wir wollen uns um diesen Planeten und das Leben auf ihm kümmern, um diese hauchdünne, einzigartige, blaugrüne Biosphäre.

Wir wollen das Paradies zurück. Denn das ist keine neue Hippie-Idee, sondern das Fundament unseres Mensch-Seins.

Und wenn die Häuptlinge heute wütend gegen Fremde, Frauen, Demonstrierende, LGBTQ-Paraden, Regenwälder, Humus, Gewässer, Wildtiere, ganze Ökosysteme vorgehen, dann ist das nicht komisch, gestört oder unverständlich. Das ist das gleiche Aufbäumen gegen die Kraft des Lebens in seiner Vielfalt, wie wir es im Alten Testament vor 3.000 Jahren lesen können.

MITGEFÜHL

„Unsere Aufgabe muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir unseren Kreis des Mitgefühls auf alle Lebewesen und die gesamte Natur in ihrer Schönheit ausdehnen. „[40]

Was können wir heute, sinnvoll, tun? Statt in der Mythologie des „wir gegen euch“ stecken zu bleiben? Links gegen rechts, Frau gegen Mann, Wissenschaft gegen Spiritualität, Vergangenheit gegen Zukunft? Statt erbittert zurück zu schlagen. Statt fatalistisch die Apokalypse zu beschwören? [41] Statt noch einmal unter zu gehen, und diesmal alle?

Können wir ihre (unsere) Ängste, die tief sitzende uralte Panik vor der Kargheit der Steppen und Wüsten, der Dürre, dem eisigen Wind, dem Nichts, verstehen? Den Hunger in den Stämmen, damals, die verzweifelten Maßnahmen, anerkennen? Das Sterben und den unendlichen Schmerz, verursacht durch natürliche Katastrophen und Klimaverschiebungen, massenhaft, zu viel, unerträglich, mit fühlen? Den Druck, die zunehmenden Verdrehungen in ihrer (unserer) Psyche, die  aus Liebe Besitz, aus Sex Gewalt, aus Leben Tod und aus der Erde unter unseren Füßen tote Materie machen  – können wir sie  sehen, nachvollziehen und sanft lockern?

Können wir den Hunger der Männer nach dem Frauenkörper wahrnehmen, vielleicht als schmerzlichen Nachhall aus früheren Zeiten? Die Kargheit und Gefahr von Krieg und Heldentum? Die bodenlose Wut der Frauen über 5.000 Jahre Missbrauch und Abwertung nachvollziehen? Können wir sie – uns – mit der Liebe zum Sein, zum Körper, zum Sex, zur Natur, zu Pflanzen und Tieren, den Zyklen des Lebens anstecken?

Können wir uns mit dem Sterben aussöhnen und austöchtern? Weil uns sowieso nur eine bestimmte Zeit gegeben ist, unabhängig von den großen, gefürchteten Katastrophen?

Dafür werden Meinungen nicht genug sein. Geschliffen-intellektuelle Kommentare zu den Ungeheuerlichkeiten unserer Zeit sind zu mager, unbefriedigend, bewegen nichts. Sprache und Schrift sind oft nicht mehr als dürre Knechte des Mythos‘ von der Macht. Wir können uns die Finger wundschreiben und das Hirn leer denken, damit retten wir nichts. [42]

Wir brauchen den Körper und das Miteinander, unsere Körper, unser Miteinander.

Wer heute zu den Menschen geht, ihnen zuhört,  sie sieht, ernst nimmt, ihnen Anerkennung zollt, bestätigt, wie schwer sie es haben in ihrer Existenz, wer ihre Hände drückt, präsent ist, hat gewonnen. Ärgerlicherweise auch dann, wenn politische Versprechen gelogen sind, und der Frust und die berechtigte Wut der Menschen auf die Häuptlinge nur als Aufstiegshilfe genutzt werden.

Was wäre, wenn wir nach 3.000 Jahren „Sündenfall“ und ideologisch verordnetem Selbsthass in unseren Körper zurückkehren, in ihm ein Zuhause schaffen? Das Persönliche politisch machen und das Politische persönlich? Indem wir bewusst wählen, wie wir ihn/uns ernähren, kleiden, heilen, ausruhen, bewegen. Unsere natürliche Sinnlichkeit wieder anlocken, unsere Beziehungsfähigkeit stärken, Geist und Körper koordinieren lernen.

Aus diesem stimmigen Zuhause heraus dann Begegnungen schaffen, je verschiedener, umso besser – mit Menschen, Tieren, der Natur. Die Veränderung, die Qualitäten, die Verbindung mit dem Leben, nicht nur denken und diskutieren, sondern füttern, verkörpern. An reale Orte gehen, wo Wandel möglich wird. Wurzeln schlagen und flüssig bleiben. Sich organisieren mit anderen, wählen, demonstrieren, Notwendigkeiten spüren. Zusammenhalt und Mitgefühl üben. Starke organisch wachsende Netze entstehen lassen. Wege finden. Und auch wenn Elon Musk dem Mitgefühl misstraut: Der größere Teil der Biomasse auf diesem Planeten setzt eher auf Kooperation als auf die Auslöschung des „Fremden“. [43]

Mitgefühl findet im Körper und im Moment statt. Mitgefühl ist viel mehr als ein verschwommenes Alle-lieb-finden. Zuerst kommt  Mitgefühl mit mir selbst, meiner Geschichte, meinen Schwachpunkten. Damit  ist Anerkennung und Wahrnehmen meines Gegenübers möglich. Das heißt, in mir eine solide Basis spüren, Spannungen, den Schmerz und die Unterschiede zwischen uns aushalten. Mitgefühl ist präzise: Du bist in deinem Körper, ich in meinem. Grenzen werden unbedingt geachtet und kommuniziert. Bubbles öffnen sich. Das ist oft schwer und merkwürdig, lässt sich aber trainieren.

Und Mitgefühl werden wir brauchen, als Kompass für den richtigen Ort zur richtigen Zeit, für einen weiten Horizont, für belastbare Verbindungen. Nur, wenn wir eine  ganzheitliche Basis von Geist und Körper in Verbindung mit allem schaffen, können wir vielleicht das Wissen und alle großartigen Technologien, die aus dem patriarchalen Aufrüsten und dem grenzgängerischen Eifer nach mehr entstanden sind, nehmen, und für das höchste Wohl aller einsetzen. Die ursprüngliche Verbundenheit und die schmerzliche Spaltung, das Kriegerische, unsere Kompetenz, integrieren und etwas Neues schaffen.

Jenseits von Politik, einfach nur, damit wir und unsere Kinder und Enkel und Nachkommen auf diesem Planeten weiter existieren dürfen: als winziger Teil der ganzen Biomasse, in Verbindung mit allem Lebendigen.

Quellen abgerufen im September 2026