Zerreissprobe

Schmerzen im Körper, Schmerzen in der Welt. Druck und Gegenzug, langsam lockern.

frühjahr 2025

Zerreissprobe

Es gibt eine ziemlich widerwärtige, ziemlich effiziente Übung für ein wehes Hüftgelenk im Verein mit Knieschmerzen durch durchgedrückte Knie. Für diese Übung, und um die beleidigt-verklebten Muskelpartien zu entriegeln, soll man auf dem Bauch liegen, ein Bein anwinkeln, und mit einem Handtuch um das Sprunggelenk den Fuß mit Zug und Gegen-Druck Richtung Gesäß bewegen. (Falls meine Erklärung Rätsel aufwirft: https://www.youtube.com/watch?v=L4ZgCeZPLts. Vertreibt – bei mir –  wochenlange Knie- und Schmerzen im unteren Rücken mit nur einem Mal Üben.)

Als ich vor kurzem endlich so auf dem Bauch liege, ächzend und widerwillig mit Zug und Gegendruck beschäftigt, wie lange noch, so mühsam! – kann ich den Zustand von Abwehr und mühseliger Akzeptanz mit meiner Geisteshaltung in unserer Gegenwarts-Welt verknüpfen, mühelos. Auch hier liege ich auf dem Bauch, hoffe, ich/wir habe/n es bald überstanden, mein Gesicht auf den Boden gepresst, meine Arme nach hinten gezwungen, Spannung und Druck im Bein, widerlich-pingelige Millimeterbewegungen, wo scheinbar nichts voran geht.

Scheinbar, weil – siehe oben – die blöden zehn Minuten bewirken, wenn solide ausgeführt, das nachhaltige Ende von zwei, drei Wochen wirklich blöden Schmerzen.

 

Jetzt, wenn dieses Druck und Gegenzug mit diesen jämmerlichen Millimetern an Bewegung im Körper so effizient wirken kann, was wäre, wenn das in der Welt auch möglich wäre? Weil ehrlich, wollen wir nicht manchmal am liebsten auf all die blöden Tech-Oligarchen eindreschen? Auf die Pseudo-Billionäre mit roten Kappen, auf Frau Weidel von der AfD, die Interviews abbricht, wenn sie ihr nicht mehr genehm sind und die genauso patriarchal herumschreien kann wie jeder Macho, auf alle kleingewachsenen Möchtegern-Feldherren, die sich beleidigt aufpudeln, und Unrecht auf dem Schlachtfeld und in Festungen wieder gut machen wollen? Auf alle, die ihnen bereitwillig folgen, sie finanzieren, sie wählen, und uns so in den Untergang ziehen? Sollten sie nicht einfach verschwinden und uns in Ruhe unser kluges, weltoffenes, grünes, in Liebe verbundenes Leben führen lassen?

Ja, Pfeifendeckel (sagt man in Bayern). Meine Knieschmerzen gehen auch nicht weg, wenn ich es mir nur innig genug wünsche.

Das Wünschen führt nur in ein infantiles Fantasiereich, wo wir – könnte sein – viele lange Jahre verbracht haben. In idealen Vorstellungen einer Welt ohne Krieg, in einem satten Gefühl des Angekommen-Seins: Die Finsternis (der Holocaust) liegt hinter uns!

Dabei liegt sie nicht nur da, sondern auch vor uns, rechts und links, oben und unten von uns, und – Überraschung – in uns. Wer Feinde vernichten, nicht haben, weghaben will, ist schon in die Falle gegangen. Wer sich über die Welt, die Politik/er/innen, den Klimawandel beschwert – Falle. Wer sich in eine schöne Welt träumt und die Gegenwart ausblendet – Falle. Wer vergisst, dass in all den für uns recht friedlichen Jahren Mit-Menschen in Kämpfen, in Fabriken, in Dürren, in Genoziden gelitten haben – Falle.

 

Schmerzen gehen weg, wenn wir uns darum kümmern. Und wir als Spezies haben höllische Schmerzen. Es zerreißt uns: in die, die Kraft aus der jüngeren Vergangenheit schöpfen, und in die, die Zuflucht in einer friedlicheren Zukunft suchen. Die einen wollen, dass es bleibt, wie es ist. Mit großen Männern, unverblümter Gewalt, der großen unausweichlichen Katastrophe, mit Raub, Mord, und Macht von oben. Die anderen wollen, dass es wird, wie wir es gerne hätten. (Und wie wir es immer wieder in vielen Formen geschafft haben.*)Mit Liebe für alle und alle mit allen, Frauenkraft, Menschlichkeit, Grundeinkommen, Tierglück, veganen Gemeinschaften, Paradies und Konsens.

Das wäre jetzt: Ich habe Knieschmerzen, aber egal! Das war schon immer so! Und überhaupt:  Wer ist daran schuld? Im Ernstfall: OP.

Oder: Ich hätte soooo gerne keine Knieschmerzen! Oh, wär das schön!

Jetzt erwachsen: Es gibt ganz viele Menschen, die in Zug und Druck arbeiten, und kleine, mühsame Lockerungen möglich machen. Das eine ist, eine tiefe Dankbarkeit für diese Menschen zu kultivieren (statt sie via DOGE zu feuern). Ihnen zuzuhören, ihren Vorträgen und Podcasts. Ihre Zeitungen zu abonnieren. Das andere ist, Organisationen, die diese Arbeit auf sich nehmen, nach Möglichkeit finanziell zu unterstützen. Das Dritte, sich mit ganz verschiedenen Menschen, die gut und mit klaren Absichten arbeiten, zu vernetzen, in Vereinen, Vereinigungen ein belastbares Miteinander zu bauen.

 

Das Vierte:  Diese wahre Liebe zu üben, die verklebte Stränge aus Hass, Angst und Erstarrung langsam entspannen und lösen kann. Die niemanden ausschließt (schwer). Die die Lebenskraft in allen Wesen unbedingt anerkennt. Die durchlässige Räume schafft und Druck von allen Beteiligten nimmt. Das geht auf der Straße, in Verkehrsmitteln, in Beziehungen, arbeitend, jeden Tag.

Lustig ist es nicht, aber es wird leichter – so wie mein Knie.