herbst 2025
Bewegung – Teil I: Mensch
… Gewebe – bewege — weggebe —-
Die Erstarrung in Positionen beschäftigt mich künstlerisch, aber auch insgesamt immer mehr. Egal wo, links, rechts, oben, unten, Menschen flüchten sich in geistige Konstrukte, die „richtig“ sind. Was „falsch“ ist, wird erbarmungslos verachtet, verfolgt, lächerlich gemacht, vernichtet.
In der Zeit der Festwochen gab es einen winzigkleinen Leserbrief im Falter, der erschüttert beschrieb, wie bei einer schamanischen, der Liebe gewidmeten, Veranstaltung eine Kickl-Puppe attackiert wurde. Das nenne ich unbeweglich, hart, erstarrt, radikalisiert. Genauso, wenn in einer Aufführung von Impulstanz das Publikum wie ein Mann losjohlt, weil es von der Bühne heißt: „Endlich sagt eine Frau nein zu unmenschlicher Behandlung“. Ja, genau!!! … Ja, eh. Männer werden aber nicht nur im Kulturbetrieb auch oft unmenschlich behandelt.* Und würde bei einem FPÖ-Fest eine Milo-Rau-Puppe aufgeschlitzt, wäre die Empörung groß.
The WorldWideWeirdness
Wir werden möglicherweise nicht zuletzt durch Social Media weniger beweglich**. Wir klappen zu, wie Austern, in ein Nein, in ein Ja (ein links, ein rechts), und wissen eh alles. Bewegung aber heißt Neugier auf ein echtes Gegenüber, ein echtes Ereignis, als echtes Wesen, jetzt im Moment – das ist anstrengend. Bewegung heißt grundsätzlich einmal eine gewisse Toleranz für eine andere Position, die mir vielleicht nicht gefällt. Weiterhin eine Flexibilität, die es mir erlaubt, so zu reagieren, wie es für das große Ganze – hoffentlich! – am besten ist.
Elende Gefühle
Bewegung heißt: Elende Gefühle aushalten, identifizieren, angemessen damit umgehen – oft recht unangenehm und aufwändig. Bewegung heißt, nichts bleibt, wie es ist, alles ist unvorhersehbar, potentiell gefährlich, nicht perfekt. Alles, alles bewegt sich, Steine, die Erdkruste, der ganze Planet, die Sterne, Kometen, das Weltall wird größer, unsere Zellen, Wasser, Luft, Feuer, es rast, tropft, fließt, weht, lodert!
Unser biologisches Gehirn hat gerade noch über die Wahl zwischen zwei Früchten in den Waldrändern der Savanne nachgedacht. Jetzt wird es zwar gescannt und vermessen, wir erforschen Dendriten, Synapsen, Transmitter, neuronale Netze, Prozesse. Aber das hilft dem Hominiden-Bewusstsein nicht im Geringsten, wenn wir in Echtzeit erfahren, dass Donald Trump beim Golfen schummelt, wenn wir bei drohnengesteuerten Kriegen live dabei sein dürfen, wenn wir im Minutentakt von der Zerstörung unserer Lebensgrundlage lesen – durch uns selbst! Zuviel viel zu schnelle, nicht zu verarbeitende Bewegung.
Bewegung ist Mobilität
Aus Angst vor all dem Verrutschenden, Beweglichen, dem unvorhersehbaren Morgen, klammern wir uns an das Feste, an Besitz. Wir fixieren uns in Gewohnheiten, in hübsche häusliche Idylle, panzern uns in SUVs und horten zu viele Dinge in (oft) viel zu großen Häusern. Immobilien.
Wir haben das Nomadische gründlich verlernt, und den nomadischen Völkern gründlich ausgetrieben. Jetzt hocken wir fest verklebt auf einem Stück Boden, und fürchten uns vor Muren, Überschwemmungen, Waldbränden, Enteignung, unangenehmen Hauseigentümern, Nachbar:innen, Migrant:innen, Kindergeschrei.
Leider sind wir aber auch so viele, dass sich das bewegliche Nomadisieren nicht mehr ausgeht. Sowieso würden wir nach wenigen Tagen elend zugrunde gehen. Wir wissen ja gar nichts mehr – was kann ich essen, ist dieses Wasser sauber, wie deute ich Spuren, wie schütze ich mich im Schlaf? Wir sind also immobil und blöd, eine ungünstige Kombination. Aber wie holen wir uns die echte, die lebendige Bewegung zumindest in unser Inneres zurück? Geht das?
Was bewegt uns wirklich?
Weil ich selbst immobil und blöd bin, kann ich dazu nur fantasieren. Wirkliche und gute Kunst bewegt mich – wirklich, das ist für mich unkünstliche Kunst, Kunst die nicht clever*** oder entlang des Mainstream designt ist. Sie hält mich plötzlich an, reißt mich aus meinem immobilen Dasein und bewegt etwas (Intelligentes??) in mir. Upside down, ich verändere mich, etwas wirkt.
Das Lernen an sich, ob in mir oder mit den Menschen in meinen Kursen, bewegt mich. Wenn ich mich am Klavier in dieser Leere bewege, wo nichts funktioniert, ich in schierer Verzweiflung bin, die Hände unfähig zu tun, was sie sollen – dann genieße ich das mittlerweile, weil ich weiß: Irgendwo in den Weiten meines Gehirns arbeiten genau jetzt diese Synapsen, strecken sich die kleinen Dendriten über das Nichts und werden eine stabile Bahn bauen – irgendwann. So beobachte ich es auch angesichts kniffliger Zeichentechniken bei Schüler:innen: je größer die erschreckende Leere, umso überzeugender der Lernschritt.
Über das Gut-Sein
Nicht Gut-sein zu müssen/zu sollen bringt den menschlichen Geist ebenfalls in Bewegung. Wir stecken in so einer multidimensionalen, planetaren, unerfassbaren Krise, dass die Fantasie „Wenn-nur-alle-brav-sind-und-sich-richtig-verhalten-wird-alles-gut“ verlockend scheint. Das ist aber natürlich ein gewaltiger Blödsinn – und ein schöner politischer Hebel. Wir können alle kalt duschen, Fahrrad fahren und vegan leben, während die wenigen umso finanzstärkeren Mitmenschen ein paar Mal mit ihren Privatjets abheben – und das war’s mit dem CO2-Sparen. Und ja, eh, wir können alle etwas tun, aber es ist ameisenklein und wirkt mehr durch die Ansteckung und Normalisierung des „guten“ = überlebenswahrscheinlicheren Verhaltens. An den Privatjets arbeiten wir noch …
Das Immobile am Gut-sein ist die moralische Überlegenheit (oben!) Das Schielen auf das Fehlverhalten der Anderen. Die fixe Idee, man würde alles richtig machen. Supergefährlich. Michail Bulgakow hat das in seinem überirdisch genialen Roman Der Meister und Margarita genussvoll durchgearbeitet. Ich erzähle jetzt nicht genau, wie der Teufel in den 1930iger Jahren nach Moskau kommt und den verlogenen Kommunismus aufmischt, ich empfehle statt dessen die Lektüre dringend – gerade heute! Erfreulicherweise ist die aktuelle Verfilmung dieses Romans sehr, sehr gelungen, überwältigende echte Kunst durch unbändige Liebe zu einem großen Werk. ****
Noch ein herrlicher Film über das Gut-Sein: Carnage – dt. der Gott des Gemetzels, vom Gutsein zum Desaster – sehr erfrischend.
Körperlich bewegen und stillhalten
Zurück zur Bewegung! Körperliche Bewegung tut gut, kaum hat man sich dazu aufgerafft, und kann, wie kaum was anderes, aus depressiven Verstimmungen helfen – vor allem, weil wir seit der Schulzeit oft und beharrlich sitzen müssen.
Paradoxe sind aber oft schön, weswegen seit vielen Tausenden von Jahren dazu geraten wird, der Mensch möge still halten, um seinen närrischen Geist zu bezwingen. Und von Blödheit abzuhalten. Also sitzt mensch, einfach im Schneidersitz, angeberisch im Lotussitz, und beobachtet, wie unmöglich es ist, geistig und körperlich ruhig zu werden.
Trotzdem ist das bestimmt eine gute Idee, die auch wissenschaftlich-medizinisch belegt ist. Stillsitzen im Nichts, im Dazwischen, minimiert sehr pragmatisch die Bildschirmzeit, wie das auch die aktiv ausgeübte – meditative? – Kunst tut. Es lässt uns die Wahrheit unserer immerwährenden Allein-heit, unseres unendlichen Ausgeliefert-Seins erfahren, und langsam besser ertragen. Stillsitzen tut weh, aber manchmal blitzt in dem ganzen Chaos etwas auf: eine Bewegung im Inneren, als würde etwas …. jenseits von Sprache.
Das Gewebe
Die große Bewegung alles Lebendigen stelle ich mir in der Leere zwischen den räumlichen Fasern des Lebens-Gewebes vor, ein zufälliges Schieben, Fallen und Rutschen, wie Sandkörner am Strand, oder ein Gletscher, der über Gestein mahlt. Diese Bewegung im Nichts fasziniert mich: Wir neigen dazu, an Kette und Schuss zu glauben, weil sie greifbar sind. Und an unsere Macht, damit das Leben zu gestalten.
Wir machen das Geflecht dichter, damit es Halt gibt, wir erschaffen Fasern aus Keramik, Metall, Stahl, Kunststoff, aber … alles kann reißen, verbrennen, zertrennt werden, es unterliegt den beweglichen, katastrophalen Veränderungen unseres Daseins. Das Nichts aber ist. Es entsteht. Unverständlich, unfassbar, mit merkwürdigen Namen versehen (Gott, Ewigkeit, Äther … ).
Auftrennen
Mittlerweile scheine ich alt genug zu sein, dass das Auftrennen und Lösen von Fasern sehr anziehend scheint – und es entspricht praktischerweise dem Zeitgeist. Es ist schön, Dinge weg zu geben. Es ist angenehm, weniger zu besitzen. Wenn Materie aus Zeit und Raum gewirkt wird, setzt die Minimierung von Materie beides frei. Wenn mein Körper Dinge tut, die er vor einigen Jahren noch nicht getan hat, stelle ich mir vor, wie auch hier die Materie lose und locker werden darf (Oberarme zum Beispiel, oder Bauchdecken ;), als Vorbereitung auf das Nichts, in das mein körperliches Sein unweigerlich eingehen wird.
Und vielleicht wird das eine sehr große/schöne letzte Bewegung!