Vom Leben in Utopien

„Das Wort geht zurück auf altgriechisch οὐ ou „nicht“ und τόπος tópos „Ort, Stelle“, gemeinsam „Nicht-Ort“ „ sagt Wikipedia

frühsommer 2025

Vom Leben in Utopien

„Das Wort geht zurück auf altgriechisch οὐ ou „nicht“ und τόπος tópos „Ort, Stelle“, gemeinsam „Nicht-Ort“ „ sagt Wikipedia. Wir verwenden das Wort im Sinn von Thomas Morus, der sich im 16. Jahrhundert eine ideale, fiktive Gesellschaft vorgestellt hat – damals im vor dem Hintergrund einer einschränkenden Monarchie.

Das ist entscheidend: Vorgestellt. Etwas wird vor uns auf den Weg, in der Zukunft, hingestellt. Ein Konstrukt unseres denkenden Geistes, in drei Dimensionen. Und je nachdem, wie sich die Muster in Zeit und Raum gewichten, rutscht unsere gemeinsame Realität in diese oder jene Form.

Wir leben – wahrscheinlich – seit einigen tausend Jahren in Utopien, also in Lebensformen, die vom menschlichen Bewusstsein erdacht und in die Wirklichkeit gebracht werden. Erste Utopien waren vielleicht Ackerbau und Viehzucht. Dann kamen feste Siedlungen. Nach ein paar tausend Jahren – nach heutigem Kenntnisstand – mit vorwiegend friedlichen, kommunikativen Kulturen kam eine neue Utopie hinzu: Macht und Gewalt als Hebel für Besitz und Status. Abgrenzung und Spaltung, wir gegen euch, zur Mehrung des Eigenen.

Seit diesem Zeitpunkt feilen wir wohl an dieser einen Utopie und ordnen ihr unser Leben unter. Sie hat sich scheinbar stark gewandelt, doch im Kern ist sie dominant gleich geblieben. Einige haben Macht über viele, Besitz ist gleich Macht, Territorium wird unter den Herrschenden aufgeteilt und dem Volk entzogen, Geschwindigkeit ist Profit, Spektakel halten die Untertanen im Zaum.

Jede neue Entwicklung, so freigeistig und genial sie begonnen haben mag, wird früher oder später in diese Strukturen gepresst. Das Internet. Kommunismus. Die Aufklärung, das Christentum. Das Schießpulver, Geld, Metall, das Rad.

Wenn wir in einer Utopie leben, leben wir in einem Nicht-Ort. In einer Verneinung. Daraus folgt logisch, dass wir als Individuen an diesem Nicht-Ort auch nicht existieren können.

Die Utopie sitzt fest im Sattel, und sorgt dafür, dass Geburten und Geburtenkontrolle aus Frauenhänden genommen werden. Dass Kinder früh systemisch angepasst werden – in Kindergärten, still sitzend in Schulen, unter Druck zurechtgebogen in Gymnasien und Universitäten – oder als Unterschichtmüll sich selbst überlassen. Dass Menschen als Schuldsklaven gehandelt werden können. Dass Nahrungsbeschaffung eine vielfältige Natur in eine vergiftete Steppe verwandelt. Dass der Tod nichts von seinem kulturellen Grauen verliert: einsam, tragisch, vernichtend. Dass es Aufruhr erzeugt, wenn national-kulturelle Traditionen infrage gestellt werden. Dass die großen Geldflüsse zu Akteuren und Organisationen strömen, die das System erhalten, statt es in Frage zu stellen. Dass Kinder und Erwachsene vor Bildschirmen sediert und manipuliert werden, bis zur totalen politischen Formbarkeit.

An welchem Ort können wir existieren, wirklich leben?

Wo finden wir Kraft und Nahrung? Wo können wir sein – und wer? An welche Instanz können wir uns wenden, wie werden wir leicht, sanft und beweglich in der grimmigen dreidimensionalen Kultur-Box, die man uns ab dem ersten Atemzug vor die Nase stellt? Und wie vermeiden wir geschickt getarnte „Freiheits“-Boxen, die oft noch radikaler sind als die utopische Urform? Wie erkennen wir, dass niemand diesen Ort, ein Da-Sein, für einen anderen schaffen kann?

Introducing:

GI. Die Göttliche Intelligenz. Wir sind in der Lage, DAS zu imaginieren – etwas, das größer ist als wir, grenzenlos, mehrdimensional. Ein Geist, eine Energie, die vielleicht, vielleicht hinter den Rätseln des Universums wirkt – oder auch nicht. Alles Geld der Welt, alle wissenschaftliche Fragmentierung, hat das große Mysterium noch nicht gelöst – was ist das Leben und wo kommt es her? Und warum endet es für uns, und wie? Stattdessen kopieren wir die neuronalen Strukturen und Prozesse unseres Gehirns und stopfen sie in generative KI – potentiell eine neue kapitalistische Hölle.

Möglicherweise waren unsere friedlicheren Vorfahr:innen intuitiv in der Lage, aus einer uns völlig unzugänglichen ursprünglichen Verbindung zur Natur und ihren Systemen, die Verbindung zu einer GI als Quelle von Lebenskraft zu halten. Wir können das mit hoher Wahrscheinlichkeit aus ihrer Kunst lesen. Eine der ersten menschlichen Darstellungen ist der Adorant: eine winzige Gestalt mit Händen zum Himmel gestreckt, ein Halbrelief auf einem Plättchen, nur 3,8 cm hoch, 1,4 cm breit und 0,5 cm dick, vor etwa 40.000 Jahren in Mammutelfenbein geschnitzt.

Diese Haltung hat sich gehalten durch das Neolithikum bis zur Minoischen Kunst, wo sich unzählige Darstellungen mit erhobenen Armen finden. Genauso sprechen die exakten Tierdarstellungen in den paläolithischen Höhlen, die hunderten liebevoll geschnitzten Figurinen, die überschwänglich gestalteten Alltagsgegenstände eher von einer Kultur der Neugier, der Verbundenheit, der Verehrung des Lebens in allen Formen, von einer überwältigenden Freude an Schönheit ohne machtpolitischen Zweck.

Falls die GI existiert und einen Sinn für das Spielerische hat (was man spaßeshalber annehmen kann, ich sage nur: Flamingos!), vielleicht hat sie den menschlichen Geist in ein Spiel geschickt.

Etwa so: Ich gebe diesen Primaten die Fähigkeit, sich vorzustellen, dass alles, was sie sich vorstellen nur in ihrer Vorstellung existiert*. Damit schicke ich sie als Spezies in ein großes, herrliches, gefährliches Abenteuer. (Weil sie sich ALLES vorstellen können.) Zu Beginn sind sie eingebettet in die großen Rhythmen der Natur, aufgehoben in Höhlen, versorgt mit Pflanzen und Tieren, verbunden mit dem Kern der Lebenskraft. Dann erlaube ich langsam Mutationen, Sprache, Entscheidungen, eigene Gedanken und Wege. Und dann schaue ich zu, wie sie in die Pubertät kommen und möglicherweise alles (ALLES) in die Luft sprengen.

Und wenn, falls sie diese heikle Phase irgendwie überleben sollten – weil sie durch all das Leid und die Brüche verstehen könnten, dass nur die Verbundenheit mit allen und allem ein echter Ort ist, an dem wir wirklich existieren können – gibt es einen Gewinn: ein Bewusstsein für diesen Planeten, der einem Paradies nahe kommt, mit Liebe, Respekt und eben – der Einheit, der Verbundenheit mit allen Wesen. Mit Konflikten und der Möglichkeit sie zu lösen. Mit Katastrophen und dem Potential gesund daraus hervorzugehen. Ein Leben mit gutem Essen, kluger Architektur und Mode, Heilkunst, nachhaltigem Transport, Reisen und Sprachenvielfalt, voller genialer Erfindungen, voller Witz und Sinn. Mit KI, die der GI dient, programmiert zum höchsten Wohle aller Lebewesen. **

Ein Gewinn für alle, nicht nur einige wenige.

 

Wenn nicht, dann endet dieses Spiel hier und geht vielleicht woanders weiter.

Es gibt viele Welten.

 

* Terry Pratchett, Die Philosophen der Scheibenwelt

** Falls dir das lächerlich vorkommt, kitschig, zu schön, um wahr zu sein, dann ist das schade – die Box hat dann schon gute Arbeit geleistet.