winter 2025
Bewegung – Teil II: Oktopus
(… Taube – Ratte — Oktopus —-)
Im letzten Text ging es um die Erstarrung in Positionen. Das geschieht natürlich live und weltweit vor unseren Augen, und immer wenn wir denken, es ist unerträglich verrückt, gibt es neue große Lügen und aberwitzige Wendungen. Gut, dass es die große friedliche NO KINGS Bewegung gibt, gut, dass es Künstler wie Stephen Colbert gibt, die sich nicht einschüchtern lassen, gut, dass so viele bekannt und unbekannt in kleinen und großen Schritten an einem wirklichen Wandel arbeiten.
Erstmals so konzentriert seit einem Jahrhundert! Brought to you by Psychoanalyse, Sozialdemokratie und Frauenrechten, Tierschutz, freier Kunst, Permakultur, Friedensbewegung, grüner Politik, und vielen weiteren holpernden Versuchen in unserem großen Durcheinander.
Kunst und Sex
Gesellschaftliche Strukturen können erkannt und ein wenig verstanden werden, wenn man diese beiden Grundzutaten des Mensch-Seins anschaut.
Die woke Welle hat zwar deutliche Anzeichen von totalitärer Radikalität erkennen lassen, aber immerhin hat sie sich um die Öffnung von Sex und Kunst gekümmert. Und auch wenn das mit der selbstgerechten Cancel Culture noch ein Problem ist, bin ich lieber von bunten genderfluiden Menschen umgeben, als von rückwärtsgewandten und oft betrunkenen Patriarchen, die mir auf den Busen starren, während sie über meine Werke lästern.
Die katholische Kirche hat sich auf bekannte Weise und sehr anders um Sex und Kunst gekümmert. Halten wir dem Wiener Erzbischof in spe, Josef Grünwidl, die Daumen, dass er das mit dem Menschsein im römischen Klerus gut hinkriegt!
(Immerhin hat er mit uns als geschiedenen Heidenkindern 2014 eine wunderschöne Hochzeits-Segensfeier gestaltet, wir schätzen ihn sehr.)
In Nazi-Deutschland hat die Diktatur sich in den Sex, die Reproduktion, ins Zuchtprogramm ihrer Bevölkerung eingemischt, mit millionenfach tödlichen Folgen. Und sie hat entartete Kunst erfunden, definiert und ebenfalls tödlich verfolgt.
In Amerika blüht der seit Anbeginn richtungsweisende, territoriale und vernichtende Rassismus gegen dunkle, wilde Menschen wieder neu auf. Der weiße (doofe) Mann (Entschuldigung, hier lesende Männer ausgenommen) ist das Leitbild, das Fremde wird von den Straßen gezerrt und vernichtet. Die freie künstlerische Rede wird ruhig gestellt – bei uns leider auch, siehe die aktuellen Urteile gegen Kabarettist:innen -, während der König allen toxischen Unfug schwätzen darf, der ihm einfällt.
Aufklärung aus der Wildnis
Eine sehr spannende Theorie schlägt vor, dass die gepriesene europäische Aufklärung ab dem 18. Jh. nicht in weißen, überlegenen Gelehrtenhirnen entstand, sondern nur möglich wurde, weil Missionare und Denker unter anderem in Kontakt mit amerikanischen Ureinwohner:innen kamen.
Zu ihrer Überraschung lernten sie soziale Strukturen kennen, in denen Frauen mit maximaler Eigenständigkeit ausgestattet waren, die Großzügigkeit und Fürsorge hochhielten, die mit Ressourcen einfühlsam und nachhaltig umzugehen in der Lage waren. Sie erschufen unfassbar schöne Kunst, und experimentierten mit immer neuen Macht-Verteilungen. Nicht immer nett, oft sehr gewalttätig, aber beweglich. Und bei Besuchen auf unserem Kontinent schockiert über das Elend in den Städten.
Die Archäologie fördert seit fast zwei Jahrhunderten immer neue Artefakte und damit Fakten zutage, die die patriarchale Erzählung – früher barbarisch und rückständig, heute edel, zivilisiert und die Krone der … usw – stark erschüttern. Die Entdeckung von fein geschnitzten Vulven, Phalli und dicken alten Frauen in der Vorgeschichte, von mächtigen barbusigen Priesterinnen auf Kreta samt fließender überschwänglicher Kunst, hat die asketisch-christlich-männliche Welt Anfang des 20. Jahrhunderts ordentlich erschüttert.
Der Oktopus
… ist auf kretisch-minoischen Vasen und Krügen oft und sehr süß abgebildet. Je mehr diese Wesen erforscht werden, umso erstaunlicher werden sie. Sie spielen, lösen unmögliche Aufgaben, sind witzig, mögen Menschen sehr oder gar nicht (und merken sich das), finden heraus, wie sie Versuchsreihen sabotieren können, zeigen deutlich, dass sie Tiefkühlshrimps in Gefangenschaft nicht wirklich schätzen. Ein Oktopus hat drei Herzen und ist im Prinzip ein weiches, hyperbewegliches Ganzkörper-Gehirn. Er und sie sieht mit der Haut, kann sich blitzschnell farblich an den Untergrund anpassen, kann jeden Saugnapf (von ca. 1.600) einzeln ansteuern. Sie verwenden Gegenstände zur Tarnung und für Architektur.
Dieses Loblied auf den Oktopus weist auf seine Tauglichkeit als Rollenmodell hin. Er ist unvorhersehbar, schöpferisch und multidimensional. Und da wir als Spezies gerade dem größten geistigen Experiment unserer Geschichte ausgesetzt sind, empfehle ich ihn und sie dringend als Schutzheilige.
Ratten und Tauben
Ratten sind schlau und sozial, Tauben ebenso. Beide Tierarten wurden aber leider in den 1950er Jahren in Versuchen missbraucht, die die Grundlage für unser Social Media-Verhalten bilden.
Wikipedia: „Eine Skinner-Box ist ein äußerst reizarmer Käfig für ein Testtier, in dem es standardisiert und weitgehend automatisiert ein neuartiges Verhalten erlernen kann. … Von den Vertretern des Behaviorismus wird teilweise die Anschauung vertreten, dass das Verhalten eines Tieres vollständig durch Belohnung für erwünschtes Verhalten beeinflusst werden kann.„
Sounds familiar? Wenn wir hübsche Bildis auf (F)Insta(k)gram anstarren, und die Zeit dabei verfliegt, generieren wir erwünschtes Verhalten für Konzerne und Datenverkäufer. Wir sind erstarrt in einem isolierten und reizarmen Raum, die Versuchsanordnung ist hinter dem Screen verborgen, wir drücken Tasten und werden vollständig beeinflusst. Die Erfahrungen mit der Skinner-Box sind entscheidend in die Entwicklung der Algorithmen von facebook et al eingeflossen. Sie schaffen eine komplett künstliche Welt, ohne jede wirkliche Sinnlichkeit und Verbundenheit.
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Schlusswort
Kunst und Sex sind im besten Fall bewegend und beweglich. Der Oktopus ist beweglich, schöpferisch, aus dem Nichts, ohne elterliche Anleitung. Wir werden diese Zeiten (wie lange schreibe ich schon darüber? ewig!) nur ertragen und auf sie antworten können, wenn wir selbst bewegt, beweglich und schöpferisch bleiben, immer wieder aufs Neue. Und wir sind natürlich nicht die erste Generation mit dieser Aufgabe.
Seit unsere Freiheit und unser Zusammenhalt als Menschen durch Systeme und Strukturen eingeschränkt und vernichtet wird, seit der Tod verehrt wird statt dem Leben, zerbrechen wir uns den Kopf, wie wir damit am besten umgehen können. Immer hat es Oktopus-Menschen gegeben, die nach Ver-Antwortung für die ungerechte, verrückte Welt, in die sie geboren wurden, gesucht haben.
Da hilft natürlich immer Lesen, und Forschen, und sich durch die Jahrhunderte verschwestern und verbrüdern. Heute haben wir Zugriff auf so viel Geschichte und Wissen – schütteln wir die Skinner-Box, drehen und wenden wir sie wie ein Oktopus, schmücken wir sie mit Muscheln und Perlen, lassen wir uns Arme wachsen, wechseln wir die Farben – machen wir das Allerbeste daraus!
Vergnügen mit Büchern und Texten
… Weihnachten? Ferien?
Wassili Grossman – Leben und Schicksal
So etwas habe ich noch nie gelesen. Eine Schilderung der Schlacht um Stalingrad uvm, die mitten im größten Schrecken die größte Poesie des Mensch-Seins aufruft. W. Grossman war Kriegsberichterstatter für die Sowjetunion. Er schreibt darüber, was er gesehen hat, und verlässt mit diesem Buch seine Konformität mit dem Stalinregime, mit allen Konsequenzen.
Es weitet mir das Herz und den Verstand, bin mittendrin.
(Leider muss man dafür die verwirrende, irre, russische Namenskomplexität durchstehen, die vielen Ebenen und Geschehnisse auf über 1.000 Seiten. Es lohnt sich!)
Timothy Snyder – On Freedom
Das passt perfekt dazu. Professor Snyder untersucht, wie um Himmels Willen wir wieder zu freien, eigenständigen und solidarischen Menschen werden können. (wenn möglich, englisch, ich habe die übersetzende KI dabei erwischt, in anderen Büchern ganze Sätze zu streichen)
Sy Montgomery – Rendevous mit einem Oktopus
Sehr amüsant zu lesen
Peter Godfrey-Smith – Other Minds: The Octopus, the Sea, and the Deep Origins of Consciousness
Vergleich von Oktopus- und Menschen-Neurologie, spannend. Seit dem Buch erfreue ich mich an dem Bild, dass ich ein Beutel mit Meerwasser bin.
David Graeber, David Wengrow – Anfänge/The Dawn of Everything
Hier habe ich die Betrachtungen zur Aufklärung und dem Native American Wissenstransfer gefunden. Und eine wunderbare Schilderung des minoischen Kreta.
David Graeber – Schulden. Die ersten 5.000 Jahre (englisch! hier hab ich die Kürzungen entdeckt)
Ungeheuer spannender Krimi, wie Geld ursächlich mit Söldnern und Krieg zusammen hängt, wie Sklaverei unser Menschen- (und Unmenschen)Bild geformt hat, wie Oligarchen eine komplett logische Entwicklung sind.
David Graeber – Another Art World, Part 1: Art Communism and Artificial Scarcity
Ein heller Text zur Verwunderung über den Kunstmarkt, sehr erleichternd für alle, die glauben, sich mit „echten“ Künstler:innen messen zu müssen. Mit spannenden Blickwinkeln darauf, was die „Kunst“ in einer solidarischeren Welt sein könnte. Teil 2 und 3 gibt es auch, leicht zu finden.